| Das
Schreiben: Die Viel-Sager |
Bei den äußerst seltenen Gelegenheiten, anlässlich denen ich - ein
ausgesteuerter Langzeitarbeitsloser und knapp über Vierzig - überhaupt ein
Vorstellungsgespräch bei einem potentiellen Arbeitgeber bekomme, stellt sich
dann irgendwann heraus, dass die Lohnangebote stets unterhalb der Armutsgrenze
(gemäß SKOS) liegen - teilweise um bis zu 40%.
Das bedeutet, dass nur schon zur Erreichung dieser Armutsgrenze mitunter ein
Pensum von über 150% zu leisten wäre. Ein erlernter Beruf sowie zwei
Zusatzausbildungen sollten eigentlich die Marktchancen etwas erhöhen. Was läuft
falsch, dass Schweizer Unternehmen - außer in der Teppichetage - mehrheitlich
bloß noch 'Maturanden-Löhne' bezahlen können? Oder ist dies der neue Markt und
es läuft alles geldrichtig?
Würde meine Frau zwecks Verbesserung der Lage ebenfalls einen 100%-Job auf ihrem
Beruf ausüben, müssten unsere beiden Kinder extern betreut werden, was gemeinhin
mit Kosten verbunden ist. So bliebe auch bei so einer 'Lösung' unter dem Strich
die Situation, dass mit 200% Arbeitseinsatz lediglich etwa total 85% jenes
Betrages erwirtschaftet wird, der als Armutsgrenze definiert ist. Aber nur, wenn
der Kinderhort im gleichen Dorf liegt und man auf die Art nicht zusätzlich ein
Auto braucht, und der Hort die Kinder auch tatsächlich 14 Stunden betreut.
Anders herum: Erst mit mindestens 235% bis rund 300% Arbeitseinsatz verarmt eine
vierköpfige Familie nicht weiter. Wenigstens in finanzieller Hinsicht.
Zu wenig Zeit zu Essen. Zu wenig Zeit zu Schlafen. Zu wenig Zeit für die
Familie. Zu wenig Zeit zur Erholung. Keine Ferien. Übermüdet an Arbeit und auf
der Strasse. Irreparable Defizite auf sämtlichen Ebenen entstehen: die
Sozialwerke beginnen zu zittern. Noch nicht zu reden von der Zeitbombe der
miteinhergehenden Verunmöglichung der Altersvorsorge (Pensionskasse). Die
Wohlfahrt sei gepriesen! Im fast reichsten Land der Welt.
Also entweder haben wir in unserer Familie zu viele Kinder, oder zu wenig
verdienende Ehegenossen. Es müsste folglich von Gesetz her die Polygamie
erlaubt, ja gefördert werden. Auch die alte Geschichte von Hänsel und Gretel
wird auf einmal wieder lebendig. Der eine Bundesrat empfahl zur Verbesserung der
Wirtschaftslage allgemein das Kinderkriegen und setzt damit auf das ewige
Wachstum, ein anderer wieder bedauert es in seinem Antwortschreiben vom 12. Mai
2006, dass wir das Klima in der Schweiz als überaus familienfeindlich empfinden.
Ob eine Politik des Wegschauens gute Früchte tragen wird? Nicht die Existenz und
das Schicksal von rund einer Million Armutsbetroffenen werden bedauert, sondern
die Tatsache, dass sich Betroffene zu Wort melden. Harte Fakten verschandeln
eben die politische Wunsch-Landschaft und die eleganten Schreibtische der
Regierenden - wohl deswegen bedauern diese, dass betroffene Menschen
Empfindungen haben. Ja - abgebrüht müsste man sein. Der Bürger überlegt sich
derweil, was Kohäsionsmillionen und -milliarden - würden sie im Inland
ausgeschüttet - für Reinvestitionen auslösen könnten. Doch gegen höhere
Kinderzulagen wird hierzulande gleich verbissen gekämpft wie gegen einen von
einem GAU betroffenen Atommeiler.
Vor rund 240 Jahren formulierte angeblich jemand den Ausspruch: 'Wenn die Leute
kein Brot haben, warum essen sie dann keinen Kuchen?' Heute propagiert man
zynisch-verächtlich: 'Aufschwung beginnt im Kopf, ..." und diffamiert damit
gleich mal alle Working-Poor und Armutsbetroffenen als offensichtlich nicht ganz
richtig tickend. Ein Paradestück neuhelvetischer feudalistischer Arroganz und
Ignoranz. Ich bin dabei versucht zu sagen: Working-Poor sind der Motor der
Wirtschaft.
Ist das Recht auf Arbeit auch ein Recht auf Arbeit bis zum Umfallen?
Grundsätzlich soll sich Arbeit lohnen - hört man. Ausbeutung, Zwangsarbeit und
Sklaverei haben allerdings viele Gesichter, auch ganz moderne. Diese
Sachverhalte kollidieren in mehrfacher Hinsicht mit Grundgedanken des
Arbeitsgesetzes und treiben Betroffene in Resignation und Lethargie. "Die Würde
des Menschen ist zu achten und zu schützen" - so weiter zu lesen in der
Bundesverfassung Art. 7.
Bei knapp einer Million Armutsbetroffenen fragt man sich außerdem, wie in der
Schweiz ein durchschnittliches monatliches Gehalt von über 8'000.- CHF zu Stande
kommen kann. Offensichtlich gibt es eine stattliche Anzahl Topverdiener, welche
diesen Durchschnitt anheben. Der normale Arbeiter jedenfalls empfängt vielleicht
gerade gut die Hälfte des Durchschnittlohnes.
Wer schon ein paar Jahre im Leben steht, stellt mitunter unschwer fest, wie
viele überbezahlte Wenig-Tuer und Sesselkleber es doch gibt. Viele von diesen
teuerungstreibenden Zeitgenossen bilden sich darüber hinaus ein, sie seien
unentbehrlich fürs Unternehmen und die Gesellschaft. Auch wenn sie potentielle
Kundschaft des Unternehmens durch ihr mangelndes Maß an Sozialkompetenz und
Selbsteinschätzungsvermögen stets abschrecken. Schmarotzer – das sind aus deren
Sicht immer die anderen, speziell die Arbeitslosen.
Vor gut zwei Jahren - es standen wieder mal Wahlen ins Haus - hieß es
hierzukantone: 'Der Aufschwung beginnt... Mit diesen Köpfen.' Natürlich hat
seither kein Auf- oder Abschwung eingesetzt, der nicht an weitaus größere Raster
gekoppelt gewesen wäre.
Es tut weh, Regierenden ausgeliefert zu sein, die nach oben bruderschaftlich
buckeln, nach unten aber wacker treten. Volks-Vertreter. Der Bürger hat sich
also nicht nur vor einer familienfeindlichen wirtschaftlichen Struktur, sondern
oftmals auch noch vor ohnmächtigen - und gleichwohl viel-sagenden,
machtausübenden - Regierenden und Politikern zu schützen.
Größere Probleme 'löst' man bekanntlich elegant, indem man - meist später, viel
später - Historikerkommissionen und Untersuchungsausschüsse einsetzt, welche die
Vergangenheit minutiös und auch - punktuell wenigstens - schonungslos
aufarbeiten. Bloß jetzt - heute und hier - da ist es immer niemand, keiner wird
in Verantwortung genommen. Kompetenzdefizite all überall. Schließlich möchte man
ja wiedergewählt werden - und da soll es einem nicht zum Fallstrick werden, wenn
man sich unüberlegt für nicht-lobbyierte Mehrheiten einsetzen würde.
Dank einer derartigen Vogel-Strauss-Politik wird die Kluft zwischen Arm und
Reich größer, der soziale Friede wird endgültig und leichtfertig auf die
Zerreißprobe gestellt. Die dramatisch aufgehende Einkommensschere ist auch der
unbestechliche Leistungsausweis für Regierende, Politiker und Schattenherrscher
und kann nicht schöngeredet werden. Falschparker werden mitunter hart angefasst.
‚Verdient’ aber jemand in einem knappen Tag soviel, wie durchschnittliche
Angestellte in ein oder gar zwei Jahren – dann geschieht nichts. Wie kann man
diese Daseins- bzw. die Nichtdaseinsberechtigung – genau darum handelt es sich
im Grundsatz – den betroffenen Bevölkerungsgruppen plausibel erklären? Wie
rechtfertigen? Mit Sharholder-Value? „Sei froh, dass du nur die Schattenseiten
des Kapitalismus, nicht aber jene des Kommunismus kennst!“ – mag mir vielleicht
jemand zurufen. Ich lächle also schattenhaft und bin froh, denn es könnte
tatsächlich schlimmer sein. Ich lächle, denn es gab immer auch unschöne Bauern-,
Arbeiter- und Sklavenaufstände.
Immer öfter fragt man sich, welcher Bezug stärker ist: Derjenige der Regierung
zum Volk, oder jener der Regierung zu sich selbst und zu elitären Zirkeln. Gibt
es überhaupt einen politischen Willen in diesem Land? «Oft beeinträchtigen
simple Machtspiele die Erarbeitung von nachhaltigen Lösungen» meinte
rückblickend ein abtretender Regierungsrat Ende 2004.
Nur schon der Kampf um grundsätzliche behördliche Wahrnehmung verzehrt mehr
Energie, als manche Familien aufzubringen vermögen. Auch das geht an die
Substanz. Doch glücklicherweise nicht an jene der Abzocker oder Viel-Sager.
Immerhin - ich kann mich aufrichtig trösten: In anderen Ländern geht es noch
schlechter. Dort verschwinden nämlich Querdenker für immer in der Versenkung.
Bis heute habe ich nicht begriffen, wieso man immer beschwichtigende Vergleiche
mit ungünstigeren Situationen vorgesetzt bekommt. Wer ernsthaft an die
Evolutionsreligion glaubt, sollte sich eigentlich einem höher strebenden Denken
verpflichten. Und den Vergleich mit positiven Referenzwerten oder Idealen nicht
scheuen.
Aber in Zeiten wie den heutigen, wo in unserem Lande dreissig Passanten dastehen
und einem Messerstecher-Opfer ohne Nothilfe zu leisten tatenlos zusehen und
schliesslich einzig ein Kind dem Opfer lebensrettend zu Hilfe eilt, darf man an
die denkende und zivilisierte Menschheit (homo television) keine allzuhohen
Ansprüche stellen. Man könnte sie sonst überfordern.
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abgemalt und aufgeschrieben von:
Leonhard Fritze, CH Beggingen
September 2006
-- Nachtrag 1 vom 18. Oktober 2006:
Vom Arbeitsamt bekomme ich einen Stellenvorschlag für einen Job als
Call-Center-Mitarbeiter. Anstellung im Stundenlohn (...) für CHF 21.- brutto.
Arbeitsweg gut 2 Std. Autokosten zusätzlich auf meine Rechnung. Aufgrund dieses
Lohnes müsste ein Arbeitspensum von grob gerechnet über 150% geleistet werden,
um auf die Armutsgrenze zu gelangen. Zu meinem grossen Bedauern sind derartige
Gehälter nicht im StGB geregelt, obwohl sie m.E. wesentliche Tatbestandsmerkmale
von qualifizierter Nötigung aufweisen. Auch dieses Beispiel spiegelt die
tatsächliche Beschaffenheit des Arbeitsmarktes wieder.
-- Nachtrag 2 vom 21. Oktober 2006:
Redaktoren verschiedener Medienerzeugnisse weisen mich immer wieder darauf hin,
dass das Thema der Working-Poor bereits mehrfach und ausführlich plattgewalzt
wurde. Daraus folgere ich, dass es nun ja gewiss nicht mehr lange dauern kann,
bis sich die Regierenden zur Erarbeitung von Lösungsansätzen durchringen werden.
Aber vielleicht geht es bei uns so wie in Deutschland: 'Rund sechs Millionen
Menschen haben sich in Deutschland «aufgegeben» und leben wie Aussätzige in
einem Land, dessen Politiker nichts wissen wollen von der Armut im Land.'
http://www.shn.ch/pages/artikel.cfm?id=171084 'Tatsache ist, dass Millionen von
Langzeitarbeitslosen in der Bundesrepublik objektiv keinerlei Chancen mehr haben
auf eine Erwerbstätigkeit und dass sich Familien mit ihren Problemen
grundsätzlich auf sich allein gestellt sehen.'
-- Nachtrag 3 vom 27. Oktober 2006:
Bei konstantem Pro-Kopf-Volkseinkommen nehmen Armut und Reichtum in der Schweiz
zu. Die Krise ist somit wohl nicht auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen.
Vielmehr handelt es sich um ein Verteilungsproblem. Verteilungsprobleme sind
quasi hausgemacht und befinden sich somit im Einflussbereich Regierender und
Politiker. Ob die Volksvertreter auch Vertreter für die 'Unterschicht' eines
Landes sind, oder ob sie primär unter dem Einfluss kleingärtnerischer elitärer
Zirkel stehen - das ist angesichts der beängstigend zunehmenden Armut Frage und
Antwort zugleich.
-- Nachtrag 4 vom 20. November 2006:
Wie wirkt sich die Europäische Union in Deutschland aus? Ein Beispiel
verdeutlicht dies: Ein Transportunternehmen entlässt alle Fahrer und stellt
Arbeiter aus dem ehemaligen Ostblock an - zu einem Bruchteil der Löhne. Die
Sprachrohre und Handlanger der Wirtschaftsbosse - die Regierenden (Tarnname:
Volksvertreter) - erklären auch hierzulande nur zu oft, wie segensreich die
Teilnahme bzw. die Mitgliedschaft an bzw. in der EU sei. Und tatsächlich: Es
verarmt kein Regierender oder Wirtschaftskapitän und das Pro-Kopf-Volkseinkommen
bleibt gleich. Dass die Armut dabei immer mehr zunimmt, braucht im Elfenbeinturm
ja niemand zu beachten. Es gibt allerdings Stimmen, die solches Handeln als
Vorstufe zum Volksverrat werten.
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Weitere Infos:
-- <Korruption sei das wichtigste Hindernis bei der Reduzierung von Armut und
Ungleichheit - sagte der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki. Laut der
Weltbank würden jedes Jahr weltweit eine Billion Dollar an Schmiergeldern
gezahlt.> Man fragt sich also, was hierzulande die Gründe für die zunehmende
Armut sein mögen. Nur mit schneearmen Wintern lässt sich das wohl kaum
begründen.
-- <Im Jahr 2005 wurden in der Schweiz Überstunden geleistet, die 90'000 Jobs entsprächen> (bfs 29. März 2007). Diejenigen, die noch Arbeit haben, werden ausgepresst, die anderen sind arbeitslos.